Über das Foltern

Schon als kleiner Bub pfiff man mich in die Rebparzellen um strenge harte Männerarbeit zu erledigen und damit die Familie vor der nächsten Hungersnot zu bewahren. Niemand konnte einem mit Bestimmtheit sagen, wann die Franzosen wieder kommen würden. Mit der Angst im Nacken, jätete man mit blossen und oft blutverschmierten Händchen Tonnen von Unkraut (die Basis für Absinth). Und das Wallis, dazumal eine Höhle ohne Strom, bot auch keinen Raum und keine Zeit, um darüber zu beschweren, wieso sich das Elend genau über unsere Berge, Hügel und Terroirs ausbreitete. Und Opfer spielen gehört nicht zu unserem Charakter und ist übrigens auch nicht mehr en vogue, so wie Mauern um Länder zu bauen eigentlich auch passé ist. Mais bon, wichtig ist, den Fokus für das Wesentliche zu bewahren und sich selbst nicht zu vergessen.

Als kleiner Bub also, tauchte ich nicht nur in die Abgründe der Not und der Armut ein. Ich musste mich auch schon sehr früh mit einer urmenschlichen Konstante auseinandersetzen, der Gewalt. Auch wusste ich dazumal noch nichts über die Notwendigkeit der Folter. Die Welt war einfach, nicht bilateral wie heute. Mir schien es absurd, den Weg der Gewalt einzuschlagen. Doch gerade hier lag wohl eine grosse Erkenntnis, die mir die Rebpflanze mit auf den Weg gab und mich vor den anarchistischen Gedanken eines Betrand Résalier oder eines Felix Hichtsteiners bewahrten.

“Gefoltert” wird im Spätfrühling,  und bedeutet nichts anderes als die überschüssigen Rebzweige auszubrechen. Mag dieser Akt auch brutaler klingen, als er nun erscheint, so harmlos ist er für ein unschuldiges Kind nicht. Wenn dabei auch keine Menschen zu schaden kommen –  ”foltru” ist, und wenn auch bloss symbolisch, nichts anderes als ein antidemokratischer Gewaltakt, ein Einschnitt in das Naturell der Pflanze, eine Zuchtstrategie, um die Energie auf wenige Potenziale zu lenken, anstatt sie auf abertausende (Nichtsnutze) zu verteilen, eine Auslese der stärksten Triebe, bzw. eine Glorifizierung der starken Triebe. Romantiker versuchen das Wort “foltru” mit dem Schmetterling, also der Pfyfoltru in Verbindung zu bringen, und heucheleien derart ein grausiges Kapitel unserer jahrtausendealten (Pflanzen-) Kultur weg.  Denn die Frage steht wie ein bissiger Veganerpilz in der Ecke und fragt: “Legitimiert der Wille zu ausgezeichnetem Wein, solch schändliche Taten?” Hilft es, in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass meine kindliche Überzeugung – eine grundsätzliche und zutiefste, ja fundamentalistische Abneigung gegen Gewalt und Folter – ins Wanken geriet und dass durch dieses Wanken meine Kinderseele bis auf heute grausamen Strapazen und inneren Kämpfen ausgesetzt ist?  Wie gehe ich mit diesem Widerspruch in meinem Leben um?

Dass ich eines Tages, ein Fürsprecher von  Zucht und Ordnung sein würde, hätte ich noch im letzten Jahrhundert als nicht für möglich gehalten. Aber eben, die Jahrhunderte vergehen. Was bleibt sind grosse und kleine, wichtige (Was kommt nach dem Tod) und unwichtige Fragen (Was kommt vor dem Tod)…Sie werden mich auch dieses Weinjahr noch beschäftigen. Und werde ich sie alleine lösen, oder werde ich vielleicht eines Tages doch noch auf Résalier und seine absurden Theorien zurückgreifen müssen? Dass die Deutschen das “foltern” einfach “erlesen” nennen, macht den derzeitigen Konflikt zwischen diesen zwei Kulturen auch nicht einfacher. Ein schwieriger Tag heute.

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